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Hindutva
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Hindutva (Hindi à€čà€żà€šà„à€Šà„à€€à„à€” hindutva) bezeichnet ein politisches Konzept, das die autoritĂ€re Ausrichtung Indiens nach den Vorstellungen eines primĂ€r politisch-kulturell und national verstandenen Hinduismus zum Ziel hat.
Im deutschsprachigen Raum werden oft die Bezeichnungen hinduistischer Nationalismus oder kurz Hindu-Nationalismus sowie Hindu-Faschismuscite-ref-1[1] verwendet. Die ideologischen Wurzeln dieses âpolitisierten Hinduismusâ liegen in der neo-hinduistischen Bewegung der britischen Kolonialzeit.
Die mit diesem Konzept verbundene politische Bewegung verfĂŒgt ĂŒber ein Netzwerk zahlreicher und miteinander verwobener Organisationen, in deren Kern der Rashtriya Swayamsevak Sangh steht. Mit der Bharatiya Janata Party stellt sie die stĂ€rkste indische Partei und mit Narendra Modi seit 2014 auch den MinisterprĂ€sidenten Indiens. Unter seiner Regierung weist Indien eine zunehmend autoritĂ€re und demokratiegefĂ€hrdende Entwicklung auf. Diskutiert wird, ob und inwieweit sich die Hindutva-Bewegung ganz oder teilweise als faschistisch charakterisieren lĂ€sst.
Contents
âą Ideologie
âą Vordenker
âą Organisationen
âą Literatur
âą Weblinks
âą Quellen
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Begriffsbedeutung
Ideologie
Entstehung im Umfeld des Neohinduismus
Die Hindutva-Bewegung entstammt dem kulturellen, sozialen und intellektuellen Umfeld, das vor der UnabhÀngigkeit in der indischen Gesellschaft in Britisch-Indien durch den Kontakt mit der westlichen Moderne und ihre Impulse entstand und auf diese differenziert reagierte.
1871 unterschied der von den Briten erhobene Zensus nach Konfessionen und fĂŒhrte dafĂŒr die Zuschreibung Hindu ein. Dieses war zuvor eine primĂ€r geographische Zuordnung gewesen, nun aber wurde sie benutzt, um einen Oberbegriff fĂŒr religiöse Praktiken und Gruppen zu finden. Dies fĂŒhrte dazu, dass viele Inder sich tatsĂ€chlich als Hindus zu fĂŒhlen begannencite-ref-8-3-0[3], aber noch im Zensus von 1911 versuchten immerhin 200.000 Inder sich als âHindu-Mohammedanerâ einzuordnen.cite-ref-4[4] Die Briten ordneten jedoch alle, die ihre Religionszugehörigkeit nicht in ihrem Sinne nach den ihnen bekannten Konfessionen klar benennen konnten, als Hindus ein â obgleich diese bis dato âkeine gemeinsame Selbstbezeichnung kannten und nicht ohne weiteres als eine zusammenhĂ€ngende Religion konstituiert warenâcite-ref-5[5] â und folgten damit Ă€lteren persisch-muslimischen Zuschreibungen, die erst generell die Bevölkerung jenseits des Flusses Indus, dann, als der Islam in Indien FuĂ gefasst hatte, alle Nicht-Moslems dort als Hindus, also als Inder bezeichnet hatten.cite-ref-6[6]
Aufkommende Reformbewegungen des Neohinduismus fĂŒhrten innerhalb des Hinduismus zu Organisations- und Selbstvergewisserungsbestrebungen sowie zu einem erwachten politischen Interesse. Das generelle gesellschaftliche (von Hindus ausgehende aber nicht auf die Hindus beschrĂ€nkte) Erwachen fĂŒhrte politisch bereits 1885 zur GrĂŒndung des Indischen Nationalkongresses, in der sich Inder aller Religionen organisierten. Allerdings sahen Moslems mehrheitlich den Kongress mit groĂer Skepsis, da sie im Falle einer MachtĂŒbergabe durch die Briten an ihn befĂŒrchteten, von einer hinduistischen Mehrheit beherrscht zu werden und sich insofern mehr von einer Kooperation mit den Briten versprachencite-ref-7[7]. Im Neo-Hinduismus wurden sehr unterschiedliche Positionen entwickelt, darunter sĂ€kular-liberale und konfessionsĂŒbergreifende, das Verbindende mit den Moslems suchende, aber auch auf ethnisch-nationalen Interpretationen indischer Kultur und Geschichte basierende. ĂbergĂ€nge waren flieĂend und Konflikte traten auch unvermutet auf. Die Reformgemeinde Arya Samaj beispielsweise lehnte die bevorzugte Stellung der Brahmanen und das Kastenwesen ab und vertrat die Auffassung, dass man in den Hinduismus ĂŒbertreten könne, womit sie mit der orthodox hinduistischen Auffassung brach, die Geburt bestimme ĂŒber die Zugehörigkeit und nicht die Ăberzeugung. Sie entwickelte ein shuddhi genanntes Ritual, das Konversionen erlaubte und versuchte in Auseinandersetzung mit christlicher und islamischer Mission auch Moslems zu ĂŒberzeugen, was aber zu Spannungen mit moslemischen Gruppen fĂŒhrte bzw. bestehende oder neu auftretende kommunalistische Konflikte noch verstĂ€rkte und ein Faktor in diesen wurde.cite-ref-8[8]
1909 fĂŒhrten die britischen Kolonialherren im Rahmen einer Divide-et-impera-Strategie nach Moslems und Hindus getrennte WĂ€hlerschaften ein, in denen lediglich Kandidaten der jeweiligen Konfession gewĂ€hlt werden konnten und trugen so zu einer entsprechenden Polarisierung bei.cite-ref-9[9] 1906 war bereits nach den bitteren Auseinandersetzungen um die von den Briten vollzogene Teilung der Provinz Bengalen in einen eher hinduistischen und westlichen und einen moslemischen und östlichen Landesteil die Muslimliga gegrĂŒndet worden, 1914 folgte die Hindu Mahasabha. Beide Parteien sprachen anders als der ĂŒberkonfessionelle Nationalkongress Moslems und Hindus bewusst getrennt an.
Vordenker
Zu fĂŒhrenden Hindutva-Ideologen zĂ€hlen Vinayak Damodar Savarkar und Madhavrao Sadashivrao Golwalkar, die beide in Schriften ihre politischen Vorstellungen veröffentlichten.
Vinayak Damodar Savarkar
Vinayak Damodar Savarkar formulierte in der 1923 in Nagpur veröffentlichten und der Bewegung den Namen gebenden Schrift Hindutva: Who is a Hindu? erstmals die Idee einer Hindu-Nation, der âHindu Rashtraâ. Seine AusfĂŒhrungen beruhen auf drei ideologischen Prinzipien â rashtra, jati und sanskriti (gemeinsamer heiliger Boden, gemeinsame Abstammung und Kultur) â auf die sich alle Hindus berufen können und die die Grundlage einer gemeinsamen Nation bilden sollen.
Ziel der Hindutva-Bewegung ist die (Wieder-)Erschaffung einer einzigen Hindu-Nation. Savarkar bediente sich dabei des RĂŒckgriffs auf eine âkonstruierteâ und idealisierte gemeinsame Vergangenheit aller Hindus, wobei es ahistorisch ist anzunehmen, dass eine solche in dieser Form jemals existierte. Zugleich regte Savarkar die Abkehr von als Fehlentwicklungen bewerteten Elementen des althergebrachten Hinduismus an, insbesondere vom Kastensystem, das er fĂŒr die politische SchwĂ€che und Zersplitterung des Hinduismus verantwortlich machte. Dementsprechend positionierte er sich gegen die Hindu-Orthodoxie und die Sonderstellung der Brahmanen, die er fĂŒr das Kastensystem und seine Ausgrenzungsmechanismen verantwortlich machtecite-ref-10[10]. Wenig erfolgreich â selbst in den sich auf ihn berufenden Organisationen â war jedoch seine Vorstellung, das Kastensystem durch EheschlieĂungen zwischen Angehörigen verschiedener Kasten zu ĂŒberwinden.cite-ref-11[11] Anfangs noch ein BefĂŒrworter hinduistisch-islamischer Zusammenarbeit bewegten ihn Erfahrungen mit der Khilafatsbewegung [in der sich ein panislamischer Nationalismus zu formulieren begann, der indirekt spĂ€ter zur Formulierung der Zwei-Nationen-Theorie fĂŒhrte] diese Position zu verwerfen.cite-ref-12[12] Sein Bild des Islam korrespondierte mit der Eigenbewertung von Islamisten, die Synkretismus, also eine Verbindung islamischer mit anderen religiösen Vorstellungen, strikt ablehnten und islamische Werte als vollkommen unvereinbar mit hinduistischen sahen.cite-ref-13[13] Savarkar zufolge hĂ€tten sich die islamischen Eroberer â anders als andere vor ihnen â nie in die polytheistisch-tolerante hinduistische Kultur Indiens integriert, sondern einen militanten und mitleidlosen Monotheismus vertreten.cite-ref-14[14] Er trĂ€umte darum von einer wenig realistischen Re-Konversion indischer Moslems zum Hinduismus.cite-ref-15[15] Ihm missfielen jedoch die verbreiteten Praktiken bhaktistischer Volksfrömmigkeit, auch die Verehrung der Herkunft nach ursprĂŒnglich muslimischer, aber synkretistischer Heiliger wie Kabir dem Weber in den Hinduismus zu integrieren, zumal diese Verehrung Hindus und Moslems in gemeinsamer ReligiositĂ€t verband.cite-ref-16[16]
Stattdessen griff die Erneuerungsbewegung psychologisch auf ein sehr altes Muster zurĂŒck: âHindutva entspricht auf politischer Ebene einer uralten gesellschaftsbildenden Grundstimmung des Hinduismus: der Angst vor der Verunreinigung durch den Fremden.âcite-ref-17[17]
WĂ€hrend in Indien entstandene Religionen wie Buddhismus, Jainismus und Sikhismus anerkannt und kulturell dem Hinduismus zugeordnet werden, gilt dies fĂŒr im Ausland entstandene Minderheitsreligionen wie Christentum und Islam explizit nicht,cite-ref-18[18] da deren kulturelle Referenzrahmen auĂerhalb Indiens in Betlehem und Mekka lĂ€gen und sie Indien insofern â selbst wenn sie loyale BĂŒrger wĂ€ren â allenfalls als Vaterland, nicht aber als ihr Heiliges Land anerkennen wĂŒrden, was der â selber agnostische â Savarkar aus politischen GrĂŒnden fĂŒr wichtig hielt.cite-ref-19[19] Hinduismus war fĂŒr ihn weniger persönliche religiöse Ăberzeugung als Möglichkeit einer politischen Weltsicht und Strategie, eine kollektive IdentitĂ€t zu schaffen.cite-ref-20[20] Diese sollte kĂ€mpferisch und mĂ€nnlich sein, denn erst pazifistische Grundströmungen des alten Indiens â insbesondere der Buddhismus â hĂ€tten die islamischen Eroberungen ĂŒberhaupt möglich gemacht.cite-ref-21[21]
Madhavrao Sadashivrao Golwalkar
Auch M.S. Golwalkar machte als interne Gegner die Moslems aus, die einen Fremdkörper in Indien darstellen wĂŒrden. Indien kĂ€mpfe einerseits gegen die britischen Kolonialherren, andererseits gegen die Moslems, denen er vorwarf sich als islamische Eroberer zu sehen.cite-ref-22[22] Er orientierte sich 1939 in seiner Schrift We, or our Nationhood defined stark an Johann Caspar Bluntschli und dessen Ablehnung englischer und französischer Konzeptionen der Nation als eines contrat social zugunsten der eher deutschen Vorstellung von der Nation als einer organischen und mit einheitlichem Geist und politischem Willen versehene Kultur.cite-ref-23[23] Religion sah Golwalkar als das Mittel diese Einheit zu formulieren, verbunden mit gemeinsamer und geteilter ethnischer Herkunft. Er Ă€uĂerte sich lobend ĂŒber Hitlers Bestreben Juden aus der deutschen Nation auszusondern und hielt fest, dass Rassen und Kulturen, bei denen Differenzen bis in die Wurzeln auszumachen seien, nicht in eine gemeinsame Einheit assimiliert werden könnten und Indien von Deutschlands Beispiel lernen sollte.cite-ref-24[24] Die Vorstellungen Golwalkars, was eine Rasse ausmache waren unklar, das fĂŒr ihn bestimmende Merkmal blieb â anders als bei Hitler â die Kultur. Golwalkar verlangte unbedingte und bejahende Assimilation in die hinduistische Grundkultur, andernfalls dĂŒrften sich Angehörige von Minderheiten keine BĂŒrgerrechte erhoffen und könnten allenfalls geduldet werden. Multikulturelle Vorstellungen lehnte er vollstĂ€ndig ab.cite-ref-25[25] Ăhnlich den deutschen Nationalsozialisten und unĂ€hnlich den italienischen Faschisten stand fĂŒr Golwalkar nicht der Staat im Fokus seines primĂ€ren Interesses, sondern das Volk, anders als die Nationalsozialisten zielte er aber nicht auf die Rasse ab, sondern auf die Kultur der Gesamtgesellschaft. Nicht die Eroberung des Staates war das erste Ziel, sondern die jahrzehntelange und geduldige Beeinflussung der Gesellschaft durch politische und kulturelle Missionare der Hindutva-Bewegung. Erst nach Schaffung eines neuen Bewusstseins könne politische Macht ĂŒbernommen werden. Die solcherart geformte Nation wĂŒrde andere IdentitĂ€ten wie die Zugehörigkeit zu Kasten ĂŒberwinden, zwischen Nation und Individuum stehende Strukturen sollten insgesamt aufgehoben werden.cite-ref-26[26] Dieser weitgehende Anspruch gegenĂŒber dem Einzelnen kann als totalitĂ€r gewertet werden und es besteht eine NĂ€he zu den Ă€hnlichen AnsprĂŒchen faschistischer Bewegungen an den Einzelnen.cite-ref-27[27] Golwalkar kritisierte jedoch Hitlers Fixierung auf politische Ziele, da bei politischem Scheitern die erreichte Einheit verloren wĂŒrde, das Ziel sei die Einheit selbst, nicht die Politik.cite-ref-28[28]
In der Frage, ob die Hindu-Nationalisten sich parteipolitisch engagieren sollten, hatten Savarkar und Golwalkar einen strategischen Dissens: WĂ€hrend Savarkar PrĂ€sident der Hindu Mahasabha wurde und seine Hoffnungen mit dieser Partei verband, ĂŒbernahm Golwalkar die Leitung des Rashtriya Swayamsevak Sangh und setzte darauf diesen von Parteipolitik fernzuhalten und sich auf die Beeinflussung der Kultur zu konzentrieren, was zu Spannungen zwischen beiden fĂŒhrte.cite-ref-29[29]
Hindu-Suprematie und Merkmale einer Modernisierungsideologie
Insgesamt zielt die Hindutva-Bewegung darauf ab, âdie Einheit und GröĂe Indiens als Nation der Hindus wiederherzustellen. Damit einher geht die Vorstellung einer Vorherrschaft der Hindu-Mehrheit und eines Abbaus der Privilegien fĂŒr Minderheiten. Hindutva ist somit weniger ein religiöses Projekt als vielmehr eine Spielart eines völkischen Nationalismus.âcite-ref-30[30]
Denn an die Stelle des âsĂ€kular-pluralistischen Staatswesens soll ein Hindu-Suprematismus mit korporatistischen Elementen treten. Die föderale Struktur Indiens soll einem starken, homogenen Zentralstaat weichen. Der Universalismus demokratischer Teilhabe soll langfristig durch den Hegemonialismus einer «Hindu-Demokratie», in der nur vollwertige Hindus zugelassen sind, ersetzt werden.âcite-ref-31[31]
Insofern steht sie fĂŒr eine Gegenbewegung zum sĂ€kularen Staatsmodell, das von Mahatma Gandhi als Lösung fĂŒr die religiösen Konflikte, hauptsĂ€chlich zwischen Muslimen und Hindus, gesehen wurde und vor dem Hintergrund des Ideals des gleichberechtigten StaatsbĂŒrgers einen Ausgleich zwischen den religiösen Gruppen des Landes in der Verfassung verankert hat.cite-ref-32[32] Gandhis Pazifismus wird von Hindutva-Vertretern verabscheut, die betonen, dass â anders als Gandhi es vertrat â der Hinduismus keinesfalls genuin pazifistisch sei, wie historische Beispiele fortgesetzten hinduistischen FĂŒrstenwiderstandes gegenĂŒber muslimischen Herrschern verdeutlicht hĂ€tten.cite-ref-3-33-0[33] Notwendig sei eine RĂŒckkehr zu einem auf einer âvedisch-brahmanischen Traditionâ beruhenden Hinduismus.cite-ref-34[34]
Die Teilung Indiens und die Entstehung des moslemischen Pakistans wird von Hindutva-Vertretern als DemĂŒtigung erfahren, die Hindutva-Ideologie versteht unter Indien ein ungeteiltes Land unter Einschluss Bangladeschs, Kaschmirs, Pakistan und der an China verlorenen Grenzregionen.cite-ref-35[35]
Dabei ist die Hindutva-Bewegung nicht etwa eine rĂŒckwĂ€rtsgewandt-religiöse Bewegung des orthodoxen Hinduismus, sondern selbst Teil und Motor einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Modernisierung. Die Regierungen der Hindutva-Partei BJP haben stark auf wirtschaftliche Liberalisierung und Entwicklung des Landes gesetzt und tun das weiterhin. Der Hindu-Nationalismus ist vielmehr Ergebnis des Kolonialismus und der von ihm angestoĂenen Prozesse sowie bewusste Reaktion auf ihn. Weit mehr als ReligiositĂ€t steht die politische Instrumentalisierung der Religion im Vordergrund, um eine nochmalige politische Uneinigkeit und âSchwĂ€cheâ der Hindus gegenĂŒber Kolonialismus und dem Islam zu verhindern.cite-ref-36[36] Es geht also um die Nutzung der Religion zur Erzeugung einer ethno-nationalistischen IdentitĂ€t.cite-ref-37[37] Inhaltlich ist der religiöse Gehalt der Hindutva-Ideologie erstaunlich dĂŒnn. Da der Hinduismus â anders als Islam und Christentum â keine verbindlich festgelegten GlaubensĂŒberzeugungen hat, sondern auĂerordentlich pluralistisch ist, ist sein Fundamentalismus deutlich schwerer zu begrĂŒnden.cite-ref-3-33-1[33]
Trotz der Betonung der Abstammungsgemeinschaft leitet die Hindutva-Bewegung kein biologischer Rassismus, sondern der Wille zur sozialen Unterwerfung und erzwungenen Assimilation, wie er nach Angelika Malinar bereits historisch im hergebrachten Kastensystem zum Ausdruck gekommen sei, das Integration auf seinen unteren Stufen zugelassen und mit der kulturellen Hinwendung zum klassischen Hinduismus mit seinen Texten, Riten und Ăberzeugungen (Sanskritisierung) auch den langsamen Aufstieg als Gruppe in gewisser Weise stets ermöglicht habe.cite-ref-38[38] Gegen die islamische Bevölkerung Indiens und ihren Anteil an indischer Geschichte und Kultur wird mit starker Feindseligkeit Stellung bezogen. Gezeichnet wird das stark idealisierte Bild einer goldenen Vergangenheit vor der Herrschaft des islamischen Reichs der Moguln und dem der Britencite-ref-39[39]. Islamische Herrscher hĂ€tten nichts als UnterdrĂŒckung und Versklavung der Hindus gebracht, hindunationalistische Webseiten schwadronieren sogar von einem âHindu-Holocaustâ, der stattgefunden habe.cite-ref-0-40-0[40] Der eigentliche Kampf in Indien sei der zwischen Moslems und Hindus, der durch die Herrschaft der Briten lediglich unterbrochen worden sei.cite-ref-3-33-2[33] In der Konstruktion eines Feindbildes wird diese Wertung gegenĂŒber den Eroberern von einst auf die heutige moslemische Bevölkerung Indiens ĂŒbertragen. Indische Moslems erfĂŒllen insofern fĂŒr die Ideologie der Hindu-Nationalisten als Feinde eine Ă€hnliche Funktion wie Schwarze fĂŒr den weiĂen Rassismus oder Juden im Nationalsozialismus.cite-ref-2-41-0[41]
Die Hindutva-Ideologie versteht den Hinduismus als âsĂ€kulare Religionâ, die die verbindliche Basis fĂŒr alle Gruppen Indiens stellen mĂŒsse und fordert mit Berufung auf diesen umdefinierten SĂ€kularismus den Abbau von Sonderrechten religiöser Minderheiten wie etwa die Abschaffung des islamischen Privat- und Familienrechtes der Scharia, das bislang von indischen Gerichten anerkannt wird, zugunsten der Rechtsgleichheit aller Inder. Darin liegt ein groĂes Mobilisierungspotential, denn die Hindu-Nationalisten können so eine Benachteiligung der Hindus behaupten, fĂŒr die allein die sĂ€kularen Gesetze gelten wĂŒrden, obgleich sie mit orthodox-hinduistischen Positionen auch nicht vereinbar wĂ€ren. Laut Hindutva-Vertretern ist der indische Staat nĂ€mlich bislang nur Hindus gegenĂŒber sĂ€kular, nicht aber gegenĂŒber bestimmten Minderheiten.cite-ref-6-42-0[42] Jenseits einiger â durchaus problematischer und umstrittener â rechtlicher Sonderregelungen (âFall Shah Bano) ist die propagierte Vorstellung von generell und zu Lasten der Hindus privilegierten Minderheiten, und insbesondere die privilegierter Moslems, substanzlos.cite-ref-2-41-1[41] Konversionen zum Islam, Christentum und Buddhismus (vor allem von Dalits) werden nicht als AusĂŒbung eines persönlichen Rechtes verstanden, sondern als planvolle und materiell motivierte Versuche gesehen dem Hinduismus bewusst zu schaden. Von Hindu-Nationalisten regierte Bundesstaaten haben entsprechend Gesetze gegen sogenannte unlautere Konversionen erlassen. Charakteristischerweise bleibt das Recht einer RĂŒckkehrkonversion in den Hinduismus vollkommen unangetastet.
Die Hindutva-Bewegung nimmt sich insofern das Recht, den Hinduismus als reformierte Nationalreligion von oben nach unten zu vereinheitlichen und als âKulturnationalismusâ mit sĂ€kularen Elementen fĂŒr alle verbindlich zu machen. Ihre Vertreter bezeichnen das als demokratisch, weil Demokratie eben die unbeschrĂ€nkte Herrschaft der Mehrheit bedeute.cite-ref-6-42-1[42]
Die Hindutva-Bewegung, ein Hindu-Faschismus?
WĂ€hrend verschiedene Autoren die Hindutva-Bewegung durchaus als faschistisch einordnencite-ref-43[43]cite-ref-22-44-0[44]cite-ref-45[45] oder zumindest starke Ăhnlichkeiten zu historischen faschistischen Bewegungen sehencite-ref-46[46], merken andere an, dass diese Einordnung ohne ausreichende Reflexion geschieht und die bekannten Faschismustheorien sich auf den europĂ€ischen Faschismus beziehen, nicht auf politische Bewegungen jenseits des Westens.cite-ref-47[47] Die von sĂŒdasiatischen Wissenschaftlern vorgenommene Kennzeichnung als faschistisch diene eher der Kritik, als dass sie in sozialwissenschaftlicher Weise ausreichend ausgearbeitet seicite-ref-48[48]. Generell gebe es einen Mangel darin, im europĂ€ischen Kontext entstandene Faschismusdefinitionen an auĂereuropĂ€ische Gegebenheiten anzupassen. Andererseits seien mindestens Elemente des breiteren Faschismus-Modells nach Robert Paxton erfĂŒllt, insbesondere die Selbstkonstruktion und Mobilisierung einer eigenen Gruppe als angegriffenes Opfer mittels und zwecks Rechtfertigung von Gewaltcite-ref-49[49].
Unbestritten ist, dass die Hindutva-Bewegung sowohl vom italienischen Faschismus als auch vom deutschen Nationalsozialismus beeinflusst wurde, ihre Vordenker Savarkar und Golwalkar und die gesamte Bewegung waren von diesen europĂ€ischen Beispielen fasziniertcite-ref-7-50-0[50]. Analog zu diesen Bewegungen arbeitet die Hindutva-Ideologie mit aussondernden und dĂ€monisierenden Feindbildern gegenĂŒber Minderheiten. Dennoch gebe es auch bedeutsame Unterschiede, so merkte Christophe Jaffrelot an, dass das fĂŒr den europĂ€ischen Faschismus so charakteristische FĂŒhrerprinzip fehle, der Erringung staatlicher Macht gegenĂŒber kultureller Durchdringung eine geringere Bedeutung zugewiesen wird und generell die Gesellschaft, nicht aber biologistisches Rassedenken die entscheidende Rolle spiele.cite-ref-51[51] Unklar ist, ob die Hindutva-Ideologie in den 1930er Jahren direkt faschistische Vorbilder aufgriff, oder ob es sich in gewisser Weise um eine konvergente, aber insgesamt eigenstĂ€ndige Entwicklung handelte, in der Ăhnlichkeiten zum europĂ€ischen Faschismus den hinduistischen Nationalisten lediglich auffielen und sie den Eindruck einer entsprechenden NĂ€he gewannen.cite-ref-7-50-1[50] BefĂŒrchtet wird, dass ein indischer âSaffron-Faschismusâ aufgrund seiner langen Aufbauphase und seiner kulturellen Tiefenbindungen sogar stĂ€rkere gesellschaftliche Wurzeln schlagen könnte als der kurzlebige klassische Faschismus in Europa es vermochte und lĂ€nger dauern könntecite-ref-52[52].
Jaffrelot schlĂ€gt den Begriff Nationalpopulismus vor,cite-ref-53[53] er sieht Indien unter der hindunationalistischen Regierung Narendra Modis faktisch im Ăbergang zu oder bereits als Beispiel einer Minderheiten unterdrĂŒckenden ethnischen Demokratie.cite-ref-54[54]
Eine Diskussion und Abstimmung zwischen Extremismus-Forschung und SĂŒdasienstudien findet bislang nicht statt, Eviane Leidig schlĂ€gt vor, den Hindutva-Nationalismus bei Akzeptanz des noch ausstehenden Forschungsbedarfs als Beispiel einer rechtsextremen Bewegung zu sehen, der es gelungen sei, unter dem Radar politikwissenschaftlicher Einordnung die gröĂte Demokratie der Erde zu regieren.cite-ref-55[55]
Organisationen
Auf diesen ideologischen Grundlagen entstanden zahlreiche verschiedene Organisationen und Unter- oder Nebenorganisationen, die die Hindutva-Vorstellungen auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Mitteln propagieren und durchzusetzen versuchen. Sie bilden ein miteinander eng kooperierendes Netzwerk, das als Sangh Parivar (Familie der Organisationen) bezeichnet wird und stark zum politischen Erfolg der Ideologie beitrÀgt.cite-ref-56[56] Doppel- oder Mehrfachmitgliedschaften sind möglich und verbreitet.
Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS)
Die oder der im Jahr 1925 gegrĂŒndete Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) verstand sich zunĂ€chst als kulturelle Organisation, erfĂŒllt aber heute als âKaderschmiedeâcite-ref-57[57] die Funktion der Ausbildung von FĂŒhrungskrĂ€ften, die in den ĂŒbrigen Zweigen der Hindutva-Bewegung ihre Arbeit tun. Nachdem die RSS anfĂ€nglich ein parteipolitisches Engagement in der Demokratie ablehnte, gehört die Schulung von Kadern und Politikern inzwischen zu ihren Hauptaufgaben. Ihr Vordenker M.S. Golwalkar Ă€uĂerte in den 1930er Jahren Sympathien fĂŒr faschistische Bewegungen in Europa, wobei er die Ausgrenzung der Juden im Deutschland Hitlers als fĂŒr Indien wichtige Lektion lobte, da seiner Auffassung nach es unmöglich sei, Gruppen, mit denen fundamentale Differenzen bestĂŒnden, in eine Gesamtheit zu integrieren.cite-ref-58[58] 1931 reiste der RSS-FunktionĂ€r B. S. Moonje ins faschistische Italien, traf dort Mussolini und wurde Zeuge wie die italienischen Faschisten Jugendliche in Gruppen sportlich, ideologisch und vormilitĂ€risch schulten. Diese Idee ĂŒbernahm der RSS und fĂŒhrte das System der Jugendbetreuung in Zellen (sog. shakhas) ein, bis heute werden â uniformierte â Jugendliche in diesen Zellen an die Inhalte der Hindutva-Ideologie herangefĂŒhrt und körperlich gedrillt.cite-ref-59[59] Die solcherart geformte Nation soll andere IdentitĂ€ten wie die Zugehörigkeit zu Kasten ĂŒberwinden, in den Shakhas sollen Individuen erst von ihren partikularen Gruppenzugehörigkeiten emanzipiert und dann in den Organismus der Nation ĂŒberfĂŒhrt werden.cite-ref-60[60] Weiterhin bestanden Beziehungen zu den Nationalsozialisten in Deutschland. Nach der Ermordung Mahatma Gandhis durch das nach eigenen Angaben zum Zeitpunkt des Mordes ehemalige RSS-Mitglied Nathuram Godse â in jĂŒngeren Recherchen wird bezweifelt, dass Godse tatsĂ€chlich ausgetreten warcite-ref-61[61] â wurde der RSS zeitweilig in die IllegalitĂ€t abgedrĂ€ngt.
Seit den 1960er Jahren jedoch konnte der RSS zahlreiche Organisationen ausgrĂŒnden und fördern, er sitzt heute im Zentrum eines weiten Netzwerks mit der Hindutva-Ideologie verbundener Organisationen wie etwa Vereinen, NGOs und WohltĂ€tigkeitsorganisationen und stellt den ideologischen Kern der Hindutva-Bewegung dar. Unter den entsprechenden Organisationen sind militante Jugendorganisationen ebenso wie kulturell oder religiös orientierte ZusammenschlĂŒsse. Dabei sind die Verbindungen zum Hindutva-Denken nicht immer deutlich, die Ideologie wird im Hintergrund verbreitet.cite-ref-62[62] Mit dem Vidhya Bharati verfĂŒgt der RSS ĂŒber einen eigenen Anbieter von Schulen der PrimĂ€rbildung, 2006 arbeiteten 73.000 Lehrer in etwa 14.000 Schulen und unterrichteten bundesweit 1,7 Millionen SchĂŒler.cite-ref-63[63] Der Vijnana Bharati (VIBHA) ist die Wissenschaftsorganisation des RSS, er versucht die wissenschaftliche Entwicklung Indiens einerseits zu fördern, andererseits mit der Idee zu verbinden einheimische (swadeshi) und traditionell-spirituelle (Hindu Science) Wissenschaftsvorstellungen seien der westlichen gleichwertig. Er bekommt umfangreiche Förderungen von der Regierung Narendra Modis, ist in den meisten indischen Staaten aktiv, veranstaltet dort Wissenschaftsmessen und verfĂŒgt ĂŒber 20.000 Mitglieder und 100.000 Freiwillige, darunter zahlreiche prominente Wissenschaftler.cite-ref-1-64-0[64] Mit dem Akhil Bharatiya Vidyarthi Parishad verfĂŒgt der RSS ĂŒber eine zahlenmĂ€Ăig starke und gewaltbereite Studentenorganisation, die in politischen Auseinandersetzungen und seit der BJP-Regierung unter dem Schutz der Polizei nach Dominanz an den UniversitĂ€ten strebt.cite-ref-65[65]
Eine wichtige Rolle spielen die 7.000 hauptberuflichen FunktionĂ€re des RSS, die in mehreren Schritten ĂŒber mehrwöchige Kurse in Ausbildungslagern, gefolgt von TĂ€tigkeiten fĂŒr den RSS, aus den Reihen der ehrenamtlichen FunktionĂ€re ausgewĂ€hlt werden. Lediglich 5 % der FunktionĂ€re sind solche sogenannten Pracharaks.cite-ref-66[66]cite-ref-67[67] Sie bilden ein Netzwerk, das in offiziellen und informellen KommunikationskanĂ€len nicht allein die Politik des RSS abstimmt, sondern auch direkten Einfluss auf die anderen Organisationen des Sangh Parivar nimmt. Dies geschieht dadurch, dass FunktionĂ€re des RSS hĂ€ufig zu diesen anderen Organisationen abgeordnet werden und dort ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum Dienst tun. So beruht die Verwaltung und FĂŒhrung der Partei BJP in den ĂŒberörtlichen Sekretariaten und denen auf nationaler Ebene stark auf vom RSS entsandten Pracharaks. Die höchste FĂŒhrungsebene von RSS und BJP kommuniziert und entscheidet in informeller Abstimmung. Diese internen Netzwerke zwischen RSS und BJP spielen eine weit gröĂere Rolle als offizielle Konferenzen und Jahrestreffen es tun.cite-ref-68[68]
Der RSS setzt im Gefolge M.S. Golwalkars â der den RSS Jahrzehnte selbst leitete â auf sehr langfristige Strategien zur Durchdringung der Gesellschaft, nicht auf ein kurzfristiges Erobern des Staates. Diese Strategie erschwerte dem indischen Staat eine BekĂ€mpfung. Anders als bei den faschistischen Bewegungen Europas kommt der RSS ohne einen konstituierenden politischen FĂŒhrerkult aus, darin â so die Bewertung von Christophe Jaffrelot â unterscheidet er sich gravierend von diesen. Der RSS bzw. seine oberste Leitung selbst sind der Identifikationsrahmen.cite-ref-69[69] Heute ist der RSS eine regierungsnahe Organisation, sein Mitglied und langjĂ€hriger FunktionĂ€r Narendra Modi Premierminister Indiens.
Weltrat der Hindus - Vishva Hindu Parishad (VHP)
Im Jahr 1964 gab die RSS den AnstoĂ zur GrĂŒndung des Vishva Hindu Parishad (VHP, âWeltrat der Hindusâ). Dabei handelt es sich um eine kultur- und religionspolitische Organisation mit eigener Miliz, die als gemeinsame Plattform fĂŒr religiöse Vertreter verschiedener hinduistischer Strömungen dient. Sie soll den Mangel einer in sich geschlossenen âKircheâ oder vergleichbaren Organisation im Hinduismus durch Aufbau entsprechender âkirchenĂ€hnlicherâ Strukturen kompensieren und so die Interessenvertretung gegenĂŒber dem Staat oder anderen Religionsgemeinschaften erleichtern, sowie die Hindu-Diaspora im Ausland betreuen. (Die Betreuung der Diaspora der hinduistischen Auslandsinder ist nicht unwichtig, weil diese den Hindutva-Organisationen umfangreich spendencite-ref-70[70]). Der VHP versucht auch den Hinduismus inhaltlich dadurch zu vereinheitlichen, dass er wiederholt einen âKatalog von Texten, Lehren und Praktikenâ in den Raum stellt, der fĂŒr alle Hindus verbindlich sein soll.cite-ref-71[71] Er spielt eine wichtige Rolle bei fortlaufenden Kampagnen zur RĂŒckĂŒbertragung von heiligen StĂ€tten der Hindus, die im Verlauf der Geschichte unter muslimischer Herrschaft den Hindus weggenommen worden seien.cite-ref-72[72]
Bekanntestes Beispiel einer solchen â im Sinne des VHP erfolgreich verlaufenden â Kampagne ist die Tempel-Moschee-Kontroverse von Ayodhya, die im Jahr 1992 in der Zerstörung der 1528 erbauten Babri-Moschee gipfelte.
Der VHP intensiviert seit Modis Regierungsantritt auch seine BemĂŒhungen, das Schlachten von KĂŒhen durch Moslems gewalttĂ€tig durch SchlĂ€gerbanden und selbsternannte Patrouillen von Vigilanten zu unterbinden.cite-ref-73[73] und rechtfertigt explizit die Lynchmorde, die in diesem Zusammenhang vorkommen.cite-ref-74[74] Dabei spielen auch die in Indien unterschiedlichen Schlachtgesetze eine Rolle. Das Tabu, Rinder zu töten entstammt möglicherweise gar nicht den vedischen und kanonischen Urzeiten des Hinduismus, sondern ist erst relativ spĂ€t entstanden.cite-ref-75[75] Die VHP-Miliz Bajrang Dal gilt als besonders militant und gewalttĂ€tig,cite-ref-76[76] Mitglieder operieren â und das ist ein neues PhĂ€nomen â im Rahmen der Kuhschutzpolitik in weiten Teilen Indiens mittlerweile als eine nicht bloĂ geduldete, sondern von BJP-Politikern und BJP-Beamten verdeckt geförderte Ersatzpolizei, die Teil einer neben dem Staat errichteten parallelen Machtstruktur ist.cite-ref-77[77]
Politische Parteien - Bharatiya Janata Party (BJP)
Obgleich mit der 1915 gegrĂŒndeten Hindu Mahasabha, die zeitweise von Savarkar selbst gefĂŒhrt wurde, sehr frĂŒh eine politische Partei des Hindu-Nationalismus entstand, blieb dieser noch der Erfolg versagt.
Die heutigen sogenannten Hindutva-Parteien, die im Jahr 1980 gegrĂŒndete Bharatiya Janata Party (BJP, frĂŒher Bharatiya Jana Sangh) und Shiv Sena, spielten bis Ende der 1980er Jahre bestenfalls eine Randrolle in der indischen Politik. Von 1998 bis 2004 stellte die BJP jedoch die Regierung mit dem Premierminister Atal Behari Vajpayee. WĂ€hrend dieser Zeit kam es zu Auseinandersetzungen innerhalb der Bewegung, wobei die VHP radikal hindu-nationalistische Forderungen durchzusetzen versuchte, wĂ€hrend die in Regierungsverantwortung befindliche BJP eher gemĂ€Ăigte Positionen einnahm und die sĂ€kularen Grundlagen des Landes nicht antastete.cite-ref-78[78]
Seit 2014 regiert die BJP unter Narendra Modi jedoch erneut und verfolgt einen radikaleren Kurs: Einerseits hat Modi sowohl stĂ€rkere parlamentarische Mehrheiten und eine gröĂere Kontrolle ĂŒber die Partei, deren politische Aktionen er auf allen Ebenen, vom Bundesparlament ĂŒber Landesparlamente, Exekutiven und die StraĂe koordinieren kann, andererseits nutzt er auch die Aktivisten jenseits der eigentlichen Parteistrukturen um durch Gewalt und EinschĂŒchterung gegen Gegner und Minderheiten vorzugehen.cite-ref-79[79] Nach ihrem deutlichen Wahlsieg 2019 kann sie weitgehend unangefochten auf Bundesebene regieren und ist endgĂŒltig die dominierende Kraft Indiens geworden, eine ihr gewachsene Oppositionspartei ist mit dem Niedergang der Kongresspartei nicht in Sicht.cite-ref-80[80] Mit der EinfĂŒhrung eines indienweiten und restriktiv gehandhabten BĂŒrgerregisters â viele Inder können ihre StaatsbĂŒrgerschaft mangels eines funktionierenden Meldewesens bislang nicht nachweisen â versucht die Regierung Modi nach Ansicht von Kritikern, den Vorrang der Hindus durchzusetzen und Angehörigen von Minderheiten â insbesondere Moslems â ihre BĂŒrgerrechte zu nehmen.cite-ref-81[81]
Unter der Regierung Modi weist Indien zunehmend illiberale und autoritĂ€re Tendenzen auf, die die indische Demokratie stark gefĂ€hrden.cite-ref-82[82]cite-ref-83[83] Freedom House und das schwedische V-Dem Institute, welche beide den Freiheitsgrad von Staaten und Demokratien messen, stuften die indische Demokratie herab, Freedom House bewertet Indien nur noch als âteilweise freiâcite-ref-84[84].
Hindutva und Kasten
Die FĂŒhrungspersönlichkeiten verschiedener Organisationen und Parteien aus dem Umfeld der Hindutva-Bewegung entstammen weit ĂŒberproportional den höheren Kasten, vorzugsweise wiederum den Brahmanen. Dies gilt insbesondere fĂŒr den RSS, dessen GrĂŒnder sĂ€mtlich Brahmanen waren und mit einer Ausnahme (charakteristischerweise ein Rajput) auch all seine Vorsitzenden.cite-ref-85[85] Die Basis des RSS findet sich bis heute primĂ€r unter den Angehörigen der höheren Kasten, das Kastensystem als Ordnungsfaktor und Grundlage einer harmonischen Ordnung wird verteidigt bzw. stillschweigend vorausgesetzt, auch wenn die strikte Diskriminierung der Kastenlosen abgelehnt wird. Ebenso bzw. sogar stĂ€rker abgelehnt wird allerdings das Einfordern von Rechten und Quoten und Abbau von Diskriminierung durch die unteren Kasten, weil es die angestrebte Einheit der Hindu-Gesellschaft unterminiere.cite-ref-86[86] Jean DrĂšze sieht im politischen Erfolg der Hindutva-Bewegung eine Antwort der nach wie vor insgesamt privilegierten Kasten auf ökonomische, soziale und kulturelle Verschiebungen zu ihrem Nachteil, so hĂ€tten die Aufhebung von Vorrechten und die Expansion des Bildungssystems seit der UnabhĂ€ngigkeit Konkurrenzdruck aufgebaut â etwa ĂŒber die Zuteilung der Stellen im öffentlichen Dienst â und Statusverluste auch unter Angehörigen der höheren Kasten verursacht, die auf den drohenden Kontrollverlust reagierten und sich nun gegen SĂ€kulare, soziale Interessengruppen bislang Benachteiligter und missliebige Minderheiten richteten. Dabei verstĂŒnden Hindutva-Vertreter aber durchaus auch niedrigere Kasten und Kastenlose anzusprechen, die sich als Teil einer Hindu-Gesellschaft relativen Aufstieg und einen relativen Abbau von Ausgrenzung versprĂ€chen.cite-ref-87[87]
Denn um eine starke politische Bewegung in Gegnerschaft zu den Moslems aufrechtzuerhalten, erscheint den FĂŒhrern der Hindutva-Bewegung eine Integration der zahlreichen Kastenlosen (Dalits) â die bis zu 20 % der indischen Bevölkerung ausmachen und ein entsprechendes WĂ€hlerpotential darstellencite-ref-88[88] â mindestens als FuĂvolk notwendig, die Ungleichheiten der hinduistischen Gesellschaft â seit den 1990ern stiegen die Spannungen zwischen den Kasten, da umstrittene Ausgleichsquoten die Interessen der Angehörigen gehobener Kasten bedrohencite-ref-89[89] â sollen ideologisch zugunsten einer militanten Hindutva-Ideologie ĂŒbertönt werden. Entsprechend gibt es Versuche, auf die Dalits zuzugehen, um ihre politische UnterstĂŒtzung zu gewinnen. Der historische und nach wie vor stark bewunderte FĂŒhrer der Dalits Bhimrao Ramji Ambedkar wird in jĂŒngerer Zeit beispielsweise auch aus den Reihen der Hindutva-Organisationen als Nationalheld verehrt, dass Ambedkar einst aus Protest gegen das hinduistische Kastensystem zum Buddhismus konvertierte, wird nicht als Ablehnung des Hinduismus akzeptiert, mit der öffentlichen BegrĂŒndung, Buddha selbst könne als Inkarnation des Gottes Wischnu gesehen werden. Ambedkar wird â unbeschadet seiner persönlichen Ăberzeugungen, vermutlich stand er dem damals noch unbedeutenden RSS skeptisch bis ablehnend gegenĂŒbercite-ref-90[90] â fĂŒr den Hindu-Nationalismus strategisch umgedeutet.cite-ref-91[91]
Die Versuche, untere Kasten zu mobilisieren, werden unter Narendra Modi erfolgreicher. Dessen âNationalpopulismusâ spricht untere Schichten und Kasten an und Modi selbst â auĂergewöhnlich fĂŒr sein politisches Lager â entstammt anders als andere FĂŒhrer der Hindutva-Organisationen keiner gehobenen Kaste, sondern einer sog. OBC-Kaste, deren weitverbreitete Ressentiments gegen die etablierten Eliten er teilt und glaubwĂŒrdig formulieren kann, so dass es ihm gelingt, vorher unerreichbare WĂ€hlerschichten zu erschlieĂen.cite-ref-92[92] Der kulturelle Dominanzanspruch höherer Kasten in der BJP bleibt davon allerdings unberĂŒhrt, unter Modi werden Förderungsquoten abgebaut und Versuche von Hindutva-Aktivisten gefördert, die religiöse Bindung von Dalits zu bestimmen und in Richtung der Akzeptanz des hierarchischen Kastensystems zu drĂ€ngen, fĂŒr Re-Konvertiten in den Hinduismus sollen nach Auffassung von der BJP nahestehenden Brahmanen neue Kasten geschaffen werden, was das Kastensystem eher bestĂ€tigen als aufheben wĂŒrde.cite-ref-93[93] Insofern erscheint das VerhĂ€ltnis der Hindutva-Weltanschauung zum Kastensystem ambivalent. Da Dalits â wie auch Moslems, die gleichfalls auch Dalits sein können â traditionell eine Rolle in der Lederindustrie haben, dafĂŒr KĂŒhe entweder schlachten oder verendete Rinder verwerten und auch Rindfleisch essen, werden sie zum Ziel von Gewalttaten höherkastriger Hindus, die die militanten Kampagnen zum Schutz der KĂŒhe unterstĂŒtzen.cite-ref-94[94] Weil Dalits als Kastenlose auĂerhalb des Varna-Systems und seiner Regeln und Gewohnheiten stehen, wĂ€hrend das Tabu, Rindfleisch zu verzehren, eng mit den Werten und Reinheitsvorstellungen der Kasten, insbesondere denen der Brahmanen, verbunden ist, wird aus den Reihen der Hindutva-Bewegung befĂŒrchtet, dass Dalits zu anderen Religionen wechseln könnten, womit sie die Nation der Hindus schwĂ€chen und deren Einheit gefĂ€hrden wĂŒrden.cite-ref-95[95] Auf entsprechende Versuche, sich dem Druck oberer Kasten durch Konversion zu entziehen, reagieren Hindutva-Aktivisten entsprechend allergisch.cite-ref-96[96]
Dass es seit langer Zeit bereits Konversionen von Dalits zu Islam und/oder Buddhismus aus Protest gegen das Kastensystem gegeben hat, stÀrkt die tiefsitzende Angst der höheren Kasten vor den Kastenlosen und vor einem entsprechenden Machtverlust.cite-ref-97[97] Dass die Hindutva-Ideologie sich gegen die Moslems als primÀres Feindbild richtet und diese, nicht mehr die Dalits, als die Anderen aussondert, gibt den Dalits hingegen eine Möglichkeit, die bislang verweigerte und vermisste Anerkennung bei höheren Kasten zu finden und sich diesen kulturell (Sanskritisierung) anzugleichen.cite-ref-98[98]
Hindutva und die Wissenschaften
Aus den Reihen der Hindutva-Bewegung und der BJP-Regierung gibt es starke Bestrebungen, das klassische westliche WissenschaftsverstĂ€ndnis und etablierte Annahmen zugunsten einer sogenannten vedischen (Ur-)Wissenschaftcite-ref-5-99-0[99] (vedic science) zu hinterfragen und zu delegitimieren. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass die alten Inder vor den Invasionen der Moslems ĂŒber umfangreiche wissenschaftliche Erkenntnisse verfĂŒgt hĂ€tten, die lediglich vergessen worden seien und westlichen Erkenntnissen vorgegriffen hĂ€tten. Dies ergebe sich aus einem genauen Studium alter Texte wie etwa den Veden oder dem Mahabharata.
Politiker der BJP und der Hindutva-Bewegung zugehörige Wissenschaftler sind mit erstaunlichen Aussagen aufgefallen. So behauptete Premierminister Narendra Modi mit Verweis auf den Gott Ganesha, der mit einem Elefantenkopf auf einem menschlichen Körper dargestellt wird, dies sei Beleg dafĂŒr, dass antike Hindus komplexe und seither unerreichte Operationstechniken und gentechnische Verfahren beherrscht hĂ€tten, die das AnnĂ€hen eines Elefantenkopfes auf den menschlichen Körper erlaubt hĂ€tten. Andere behaupteten, Atomexplosionen, Flugzeuge und Stammzellforschung seien bereits im alten Indien bekannt gewesen, Kuhurin könne Krankheiten heilen und Kuhdung sei ein wirksamer Schutz gegen RadioaktivitĂ€t.cite-ref-101[101] Das Ramayana beschreibe tatsĂ€chliche Ereignisse, die historische Existenz der in ihr beschriebenen BrĂŒcke zwischen Indien und Sri Lanka â und mit ihr implizit wohl der Mythos â sei erfreulicherweise bewiesen.cite-ref-102[102] Der indische Kulturminister Mahesh Sharma gab an, jene, die das Ramayana fĂŒr Fiktion hielten, lĂ€gen vollkommen falsch; er glaube an dessen historische FaktizitĂ€t.cite-ref-103[103] NatĂŒrlich treten weiterhin WidersprĂŒche zwischen Texten und der Wirklichkeit auf, so entspringt der Fluss Ganges in alten Texten im heutigen Tibet am Berg Kailash, in Wirklichkeit aber im indischen Bundesstaat Uttarakhand. Die zustĂ€ndige Bundesministerin fĂŒr Wasserressourcen und FlĂŒsse, Uma Bharti, wies das Nationale Institut fĂŒr Hydrologie an zu untersuchen, ob der Ganges nicht doch dort entspringe, wo er das gemÀà Mythos tun solle.cite-ref-104[104]
Die altehrwĂŒrdige Indian Science Congress Association wurde â zum Entsetzen von Fachwissenschaftlern â gezwungen, auf ihren Jahrestreffen pseudowissenschaftliche Hindutva-Vorstellungen ernsthaft zu diskutieren.cite-ref-105[105]cite-ref-106[106] WĂ€hrend naturwissenschaftliche Erkenntnisse jedoch weitgehend hingenommen werden und nur in alte Quellen hineingelesen werden, ist das eigentliche Ziel die Geschichtswissenschaft bzw. die Sozialwissenschaften insgesamt. Die fachlich vollkommen isolierte Out-of-India-Theorie (welche eine initiale Einwanderung durch IndoeuropĂ€er ausschlieĂt und stattdessen behauptet, die Harappa-Kultur sei mit der spĂ€teren vedischen Kultur identisch) wird hochgehalten und in die LehrplĂ€ne geschrieben, da der Gedanke, die indische Kultur â unter Einschluss des Hinduismus â sei ein Ergebnis zahlreicher Migrationen, die ungute Implikation hĂ€tte, in den muslimischen Eroberungen nicht etwas vollkommen Ungeheuerliches und nie Dagewesenes sehen zu können, sondern Wiederholung eines Ă€lteren Musters, was das gedankliche Aussondern und vollstĂ€ndige Delegitimieren des Islams und seiner Angehörigen in Indien erschweren wĂŒrde.cite-ref-107[107]cite-ref-0-40-1[40] Da muslimische Herrscher nicht derart eindimensionale Feinde des Hinduismus waren wie von der Hindutva-Ideologie behauptet, sondern nach der Eroberung Ă€hnlich regierten wie vorherige oder benachbarte hinduistische Könige, sind entsprechend Historiker das besondere Ziel der Regierung Modi.cite-ref-0-40-2[40] Der bekannten Historikerin Romila Thapar, die an einem differenzierten und mehrdeutigen Bild indischer Geschichte festhalten will, wird darum stellvertretend GeschichtsfĂ€lschung, Inkompetenz, Marxismus und Ăbernahme eines eurozentrischen Weltbildes vorgeworfen.cite-ref-108[108] Auf den einflussreichen Posten des Vorsitzenden des Indian Council of Historical Research wurde dementsprechend ein AnhĂ€nger der Vorstellung gesetzt, die antiken Texte seien wortwörtlich zu verstehen, es gĂ€be gar keinen Unterschied zwischen Mythologie und Geschichte und die in der Lehre verwendeten GeschichtsbĂŒcher seien entsprechend zu ĂŒberarbeiten.cite-ref-109[109]cite-ref-110[110] Nach Shashi Tharoor geht es in der Kampagne gegen die indische Geschichtswissenschaft um nicht weniger als darum, die Idee dessen, was Indien sei, vollkommen umzuschreiben und den Pluralismus durch das GefĂŒhl einer hinduistischen Ăberlegenheit zu ersetzen.cite-ref-111[111]
Erleichtert werden entsprechende Vorstellungen, die durch das Verlagshaus Voice of India seit Jahrzehnten verbreitet werden, durch Anlehnung von Hindutva-Intellektuellen an im Westen entstandene postkolonialistische Denkweisen, die in AnknĂŒpfung an Edward Said und Michel Foucault das Eruieren nachprĂŒfbarer Fakten als Ăbernahme eines ursprĂŒnglich westlichen und kolonialistischen Narrativs ansehen, von der grundsĂ€tzlichen Unerkennbarkeit der Wahrheit ausgehen und ĂŒberhaupt nur noch an â weitgehend beliebige â Narrative glauben.cite-ref-112[112]cite-ref-113[113]
Diese Vorstellungen sind nicht allein private oder im Diskurs vorgetragene politische Ăberzeugungen, sondern werden Teil der Politik und des Wissenschaftsbetriebes. Die renommierte und als sĂ€kular geltende Jawaharlal Nehru UniversitĂ€t ist das besondere Ziel der BJP-Regierung unter Modi, die einen ihrer Gefolgsleute zum Kanzler der UniversitĂ€t machte und den dortigen Sozialwissenschaften auf allen Ebenen â Lehre, Bibliothek und Stipendien â Gelder kĂŒrzt.cite-ref-114[114] Militante Studenten schĂŒchtern Kommilitonen und Wissenschaftler mit Gewalt ein.cite-ref-115[115] Generell wird eine Zunahme pseudowissenschaftlicher Vorstellungen unter der Regierung Modi befĂŒrchtet.cite-ref-1-64-1[64]
Im Zusammenhang mit der Zunahme hindunationalistischer Gewalt birgt Widerspruch oder Spott Gefahr. Vier Wissenschaftler, die sich gegen das Vordringen pseudowissenschaftlicher Vorstellungen öffentlich zur Wehr setzten, wurden ermordet, vermutlich von hindunationalistischen Vigilanten.cite-ref-116[116]
Hindutva und die Gewalt
SpĂ€testens seit der Teilung Indiens in ein moslemisches Pakistan und ein mehrheitlich hinduistisches Indien ging aus den Reihen der Hindutva-Bewegung politische Gewalt hervor. Diese richtet sich sowohl gegen einzelne Gegner wie gegen bestimmte Gruppen und Minderheiten. Mahatma Gandhi wurde von Nathuram Godse einem Mitglied der Hindu Mahasabha ermordet, dessen Förderer Savarkar wurde unter dem Verdacht einer Beteiligung an den Mordplanungen vor Gericht gestellt, allerdings freigesprochen. An den blutigen kommunalistischen Auseinandersetzungen zwischen Moslems und Hindus beteiligten sich die Hindu-Nationalisten, der damalige indische Innenminister Sardar Patel â der inzwischen von der Hindutva-Bewegung vereinnahmt und verehrt wird, etwa mit dem Bau der Statue der Einheit â verbot den RSS und warf Golwalkar, der dieses Verbot kritisierte, unumwunden vor, dass die Hindu-Nationalisten Gandhis Ermordung nicht allein öffentlich bejubelt, sondern im Verlauf der Teilung auch Gewalttaten gegen unschuldige Moslems initiiert und zahlreiche Morde begangen hĂ€tten.cite-ref-117[117]
Die Tempelkontroverse von Ayodhya gipfelte nicht allein in der Zerstörung der Babri-Moschee, sondern hatte zahlreiche Gewalttaten zur Folge, mittelbar starben etwa 2.000 Menschen.cite-ref-118[118] Im Jahre 2002 starben nach dem â weiterhin ungeklĂ€rten â Zugbrand von Godhra mehrere tausend Menschen, meist Moslems, in regelrechten Pogromen, die â entgegen der Auffassung von spontan erfolgter kommunalistischer Gewalt â ein hohes MaĂ an Planung aufwiesen. Beginnend mit einer Demonstration des VHP begannen Aktivisten â teilweise in Uniformteilen des RSS â mit Ausschreitungen und Verbrechen an moslemischer Wohnbevölkerung, FunktionĂ€re von VHP und RSS wiesen ihre Gefolgsleute auf Ziele hin. Dabei hatten sie anscheinend auch Zugriff auf die WĂ€hlerregister des von Narendra Modi regierten Bundesstaates Gujarat.cite-ref-119[119] Politisch zahlte sich diese Gewalt aus, nach Ayodhya konnte die BJP ihre Position durch Stimmengewinne in den betroffenen Regionen stĂ€rkencite-ref-120[120], nach den Pogromen in Gujarat wurde Narendra Modi in Wahlen bestĂ€tigt und sein Aufstieg zur entscheidenden Politikerpersönlichkeit Indiens begann.cite-ref-121[121]cite-ref-122[122] Denn die Gewalttaten fĂŒhrten vermehrt dazu, dass BĂŒrger sich nach ihren Konfessionen einordneten und als Moslems und Hindus zu wĂ€hlen begannen, â was insgesamt der BJP nĂŒtzte.cite-ref-123[123]
Heute ist die regierende Hindutva-Bewegung eng mit vigilantistischer Gewalt verbunden, ihre Aktivisten setzen den Machtanspruch der Bewegung nun in der Gesellschaft mit Gewalt durch. Dies geschieht durchaus in einer Art Arbeitsteilung mit staatlichen Stellen, insbesondere in den von Hindu-Nationalisten regierten Staaten. In den letzten Jahren hat sich eine militante Kuhschutzbewegung herausgebildet, die das â Hindus gehobener Kasten und Jains betreffende â religiöse Tabu, KĂŒhe zu schlachten und/oder Rindfleisch zu verzehren auf Moslems, Christen und Dalits ausdehnt. Auf der einen Seite wurden auf Initiative der Hindu-Nationalisten in den meisten Bundesstaaten Gesetze erlassen, die Schlachtungen erschweren oder gĂ€nzlich verbieten, auf der anderen wird dieses Verbot auch von Hindutva-Vigilanten durchgesetzt, die Kontrollpunkte einrichten und Patrouillen aussenden, zuweilen in Zusammenarbeit mit der Polizei, so wurden Kuh-Vigilanten informell von lokalen Polizeioffizieren geschult.cite-ref-124[124] Im von den Hindu-Nationalisten regierten Bundesstaat Haryana wurde ein Gesetz erlassen, das das Schlachten von KĂŒhen verbietet, die Durchsetzung dieses Verbotes wurde aber explizit ehrenamtlichen KrĂ€ften ĂŒbertragen, also letztlich den Vigilanten.cite-ref-4-125-0[125] Dabei kommt es immer wieder zu Lynchmorden an Dalits oder Moslems, die im Verdacht stehen, KĂŒhe geschlachtet oder auch nur Rindfleisch verzehrt zu haben, wobei bereits GerĂŒchte u. U. ausreichen, einen Lynchmord auszulösen.cite-ref-126[126] Die Vigilanten entstammen dabei bekannten Hindutva-Organisationen, wie etwa der VHP-Miliz Bajrang Dal,cite-ref-127[127]cite-ref-128[128] aber auch der Peripherie der Bewegung, wie schnell gegrĂŒndeten Gruppen sogenannter Gau Rakshaks (KuhschĂŒtzer) oder der Gefolgschaft besonders radikaler Politiker wie Yogi Adityanath.cite-ref-129[129] Es bildet sich neben den staatlichen Stellen eine parallele Gewaltstruktur heraus, in der eine hindunationalistische Moralpolizei unter hetzerischer Zustimmung einer entsprechenden Ăffentlichkeit des eigenen Lagers agieren kann.cite-ref-130[130]
Ende Juli 2023 kam es im Distrikt Nuh zu gewaltsamen ZusammenstöĂen mit vier Toten und mehr als zwei Dutzend Verletzten. âDie Gewalt, darunter SteinwĂŒrfe und in Brand gesetzte Fahrzeuge sowie Moscheen, habe drei Stunden gedauert und sich auch auf angrenzende Regionen am sĂŒdlichen Rand der indischen Hauptstadt Delhi ausgedehnt.âcite-ref-131[131]
Es wird versucht, Konversionen zu Islam oder Christentum durch Ansprachen und Hausbesuche zu unterbinden. Die Möglichkeit der Gewalt steht dabei immer im Raum. Ăhnlich verhĂ€lt es sich bei der Behauptung, es finde ein sogenannter Love Jihad (also ein Liebesdschihad) gegen den Hinduismus statt. Kern dieser Verschwörungstheorie ist die Vorstellung, junge moslemische MĂ€nner wĂŒrden ganz bewusst und um den Hinduismus zu schwĂ€chen, MĂ€dchen anderer Religionen, insbesondere Hindu-MĂ€dchen, verfĂŒhren und zur Ehe und zum Religionswechsel bewegen. Auch hier kommt es zu Hausbesuchen durch Vigilanten und Angehörige der Hindutva-Organisationen, in denen die Frauen, aber vor allem die Familien, vor den âGefahrenâ solcher Verbindungen gewarnt werden und versucht wird, die MĂ€dchen durch AufklĂ€rung â oder gleich durch Drohungencite-ref-132[132] â zu beeinflussen.cite-ref-133[133] Dabei geht es nicht darum, tatsĂ€chlich missbrĂ€uchliche Beziehungen zu verhindern. Zwar finden im benachbarten und kulturell Ă€hnlichen Pakistan hĂ€ufig EntfĂŒhrungen nicht-moslemischer MĂ€dchen statt, die mit Zwangsverheiratung und Zwangsislamisierung enden,cite-ref-134[134] das Handeln der Vigilanten reicht aber weiter, als solche FĂ€lle zu verhindern. Im Prinzip gilt ihnen jede Beziehung zwischen Moslems und Hindus, sei es eine Liebesbeziehung, sei sie freundschaftlich als nicht hinnehmbar und als gegen das eigene Lager gerichtet. Sobald die Vigilanten Kenntnis von einer interreligiösen Beziehung erlangen, fĂŒhlen sie sich berechtigt, einzugreifen und den Kontakt zu unterbinden.cite-ref-135[135] Bereits gemeinsame Busfahrten können Anlass zur Gewalt sein, einzelne und genau identifizierbare SchulmĂ€dchen werden ĂŒber soziale Netzwerke vor privaten Kontakten mit Jungen anderer Religion gewarnt â und seien diese in ihrer Schulklasse.cite-ref-136[136] Wer mit MĂ€nnern der falschen Konfession gesehen oder gar fotografiert wird, kann im Internet gemobbt und verleumdet werden oder gar Besuch von Hindutva-Aktivisten bekommen â EinschĂŒchterungen und Schikanen, die auch zu Selbstmorden gefĂŒhrt haben.cite-ref-137[137] Milizen der Hindutva-Bewegung, wie der Bajrang Dal, drohen Hindu-MĂ€dchen unverhohlen mit âernsten Konsequenzenâ, sollten diese es wagen, Kontakte â beliebige Freizeitkontakte â zu Moslems zu unterhalten.cite-ref-138[138] Das sind keine leeren Drohungen, der Bajrang Dal ist zu exzessiver Gewalt fĂ€hig: So verbrannten Mitglieder dieser Miliz ein Hindu-MĂ€dchen, das in einer christlichen Einrichtung arbeitete und von ihnen versehentlich fĂŒr eine Christin gehalten wurde, bei lebendigem Leibe, nachdem sie es zuvor vergewaltigt hatten.cite-ref-139[139]
An publizistischen Gegnern der Hindutva-Bewegung finden ebenfalls Morde statt, die teils unaufgeklĂ€rt bleiben; als TĂ€ter wurden Angehörige von hindu-nationalistischen Splittergruppen identifiziert.cite-ref-140[140]cite-ref-141[141] Gewalttaten der Vigilanten folgen oft der öffentlichen Diskussion: Wenn die BJP ihre Gegner kritisiert, fĂŒhlen die Vigilanten sich angehalten, der rhetorischen Kritik reale Gewalt folgen zu lassen.cite-ref-142[142] Auch an den Hochschulen des Landes setzen hindunationalistische Studenten der Studentenorganisation des RSS ihre Dominanz mit Gewalt durch, unterstĂŒtzt durch ein Nichteingreifen der Polizei.cite-ref-143[143]cite-ref-144[144]
Staatliche Stellen gehen gegen die aus den Reihen der Hindutva-Bewegung kommende Gewalt nur zögerlich vor. Zwar ermitteln die Behörden oft weiterhin â insbesondere in Staaten, wo die Hindu-Nationalisten nicht regieren â jedoch sind inzwischen viele ihrer AnhĂ€nger in der Beamtenschaft aufgestiegen bzw. unterstehen die Behörden oft BJP-gefĂŒhrten Ministerien. Stellenweise erfolgt nachgerade eine Verzahnung von staatlichen Polizeistrukturen mit Strukturen der Vigilanten.cite-ref-145[145] Verhaltenssteuerung durch gewalttĂ€tigen Vigilantismus hat fĂŒr die BJP-Regierung den Vorteil, die Verantwortung fĂŒr diese Gewalt nicht ĂŒbernehmen zu mĂŒssencite-ref-4-125-1[125]. Einer Umfrage aus dem Jahr 2019 zufolge hat etwa jeder dritte indische Polizeibeamte fĂŒr die gewalttĂ€tigen hinduistischen Kuh-Vigilanten entweder viel oder ein gewisses VerstĂ€ndnis, mit charakteristischen und ausgeprĂ€gten regionalen Unterschieden. WĂ€hrend 66 % der Polizisten im Bundesstaat Jharkhand VerstĂ€ndnis fĂŒr die Lynchjustiz Ă€uĂerten, waren es im benachbarten Staat West-Bengalen - umkĂ€mpfte Hochburg des sĂ€kularen Indiencite-ref-146[146]cite-ref-147[147] - nur 3 %. Die ĂŒberwiegende Mehrzahl (58 %) der Verbrechen fand in BJP-regierten Staaten statt.cite-ref-148[148] Die Anzahl hinduvigilantistischer Ăbergriffe stieg seit dem ersten gesamtindischen Wahlsieg Narendra Modis und seiner BJP 2014 steil ancite-ref-149[149].
Das Oberste Gericht Indiens beschwerte sich öffentlich, dass bestimmte hindu-nationalistische Staaten seine â verbindliche â Aufforderung, Recht und Gesetz zu wahren und gegen hindunationalistische Vigilanten scharf vorzugehen, schlichtweg ignorierten.cite-ref-150[150] WĂ€hrend das Höchstgericht aber noch versucht, die sĂ€kularen Prinzipien des Landes zu bewahren, fallen Urteile unterer Instanzen zunehmend zugunsten von Hindu-Nationalisten aus.cite-ref-151[151] Das PhĂ€nomen des Hindu-Vigilantismus, das frĂŒher auf die BJP-regierten Staaten beschrĂ€nkt war, wird von den Hindu-Nationalisten in andere Bundesstaaten hineingetragen, um auch dort Verhaltenssteuerung im Sinne der Hindutva-Ideologie zu erreichen.cite-ref-152[152] Setzen sie sich durch, erinnert der erreichte Zustand an die Apartheid: Auch wohlmeinende Hindus meiden ihre muslimischen Nachbarn und brechen GeschĂ€ftsbeziehungen ab, aus Angst selbst zum Ziel hindunationalistischer Gewalt zu werden.cite-ref-153[153]
Allerdings treten auch innerhalb der Hindutva-Bewegung â scheinbare oder echte â Differenzen in Bezug auf die AuswĂŒchse der Gewalt auf, Narendra Modi verurteilte 2017 Lynchmorde durch Kuhvigilanten, 2021 verurteilte auch der Vorsitzende des RSS Mohan Bhagwat vigilantistische Gewalt und forderte die Strafverfolgungsbehörden auf tĂ€tig zu werden.cite-ref-154[154]cite-ref-155[155] Was insofern irritiert, als dass das BJP-gefĂŒhrte indische Innenministerium auch schon mal direkte Anweisungen erteilt, verhaftete Hindu-Vigilanten gegen den Willen der Strafverfolgungsbehörden auf freien FuĂ zu setzen,cite-ref-156[156] oder ein leibhaftiger Bundesminister der BJP wĂ€hrend eines weiterhin laufenden Verfahrens an der Trauerfeier eines mordverdĂ€chtigen, aber in Untersuchungshaft verstorbenen, Hindu-Vigilanten teilnimmt, um der Familie und der Ăffentlichkeit seine UnterstĂŒtzung zu zeigencite-ref-157[157]. Die der Bundesregierung unter Narendra Modi direkt unterstellte Stadtpolizei von Delhi nahm 2020 an Ausschreitungen gegen moslemische Wohnbevölkerung selbst teilcite-ref-158[158].
Dass die Gewalt von hindunationalistischen Gruppen ausgeht, erlaubt der Bundesregierung unter Narendra Modi, die eigenen HÀnde in Unschuld zu waschen und zu behaupten, es handele sich um spontan auftretende Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen Indiens, mit denen die Regierung nichts zu tun hÀtte, die Gewalt tatsÀchlich aber politisch zu nutzencite-ref-159[159].
Drohungen mit Gewalt ausgehend von Hindutva-AnhÀngern sind inzwischen nicht mehr allein auf Indien beschrÀnkt, auch im Ausland werden Akademiker, die sich kritisch mit dem gegenwÀrtigen Hindu-Nationalismus beschÀftigen mit Drohungen unter Druck gesetzt. So versetzte eine Veranstaltung verschiedener renommierter amerikanischer UniversitÀten unter dem Namen Dismantling Global Hindutva in den USA lebende AnhÀnger der Hindutva-Ideale und ihre Organisationen derart in Aufregung, dass Unmengen von Protestmails eingingen, darunter zahlreiche Morddrohungen gegen die Teilnehmer und ihre Familien.cite-ref-160[160]
Nach Christophe Jaffrelot ist im Auftreten der hindu-vigilantistischen Gruppen und ihres Zusammenspiels mit staatlichen Behörden und der politischen Verzahnung beider mit dem Sangh Parivar hin zu einem Tiefen Staat bereits der kommende majoritÀre Hindu-Staat erkennbar, das von den Nationalisten erstrebte Vaterland Hindu Rashtra.cite-ref-161[161]
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Weblinks
Wiktionary: Hindutva
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